Gedenkkonzert
Kein Staatsakt, sondern Herzensanliegen
Gedenkkonzert zum 70. Jahrestag des Kriegsendes
Rosenheim - Weit geöffnet waren alle Tore der Rosenheimer Christkönig-Kirche, die große Festtagsglocke läutete als Zeichen des Friedens und zwei Kinder entzünden die große Osterkerze. Pfarrer Sebastian Heindl erinnerte an das Bild auf dem Programmheft, auf dem die Christkönigskirche mit einer klaffenden Wunde gezeigt war, die eine Fliegerbombe im Zweiten Weltkrieg geschlagen hatte.
Und doch stehe die Kirche stark wieder da, als Bild für den christlichen Glauben, der gegen jegliche Intoleranz und gegen jegliche Misshandlungen von Menschen auftrete.
Es sollte absichtlich kein politischer Staatsakt sein, sondern ein Herzensanliegen von Bürgern Rosenheims. Der Gedenkort sollte eine Kirche sein. Das wollten die Veranstalter dieses Gedenkkonzertes zum 70. Jahrestag des Kriegsendes, nämlich die Stadtkapelle Rosenheim unter Wolfgang Hauck, der Chorkreis St. Quirinus unter Michael Gartner und der Historische Verein Rosenheim mit seiner Vorsitzenden Christiane Hufnagl. Die Macht der Musik, die Macht der Worte und die Macht der Bilder sollten die Macht des Krieges brechen und ein Zeichen setzen für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte.
Die Macht der Bilder zeigte Albert H. Schnabel, der für den Historischen Verein eine kleine Ausstellung gestaltet hatte, die die 1920er- und 1930er-Jahre Rosenheims beleuchten sollte, die Folgen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, durch die schließlich auch das große Chorfenster der Christkönig-Kirche vernichtet wurde. In Farbe prangt es in der Ausstellung.
Nach Pfarrer Heindl sprachen Christiane Hufnagl und Rosenheims Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer. Hufnagl erinnerte daran, dass Rosenheim, weil besonders eifrig, von Hitler die "Provinzstadt der Bewegung" genannt wurde, dass es hier Eiferer gab, die in vorauseilendem Gehorsam derart brutal gegen Juden vorgingen, dass sogar die Gestapo aus München zur Mäßigung mahnte. Sie erinnerte dran, dass 14 Luftangriffe der Stadt Rosenheim galten, zeigte sich dankbar, dass wir heute in einer stabilen Demokratie leben, und sagte, dass wir alle Verantwortung trügen: "Vergessen wir niemals, bleiben wir wachsam!". Und: "Nie wieder!"
"Nie wieder!", das forderte auch die Oberbürgermeisterin. Sie zitierte die Präambel der Bayerischen Verfassung, die feststellt, dass "eine Staatsordnung ohne Gott, ohne Gewissen und ohne Achtung vor der Würde des Menschen" zur Unmenschlichkeit führe, lehnte eine Kollektivschuld ab, forderte aber, Verantwortung zu übernehmen.
Am größten aber war die Macht der Musik: Höchst beeindruckend war die Stückauswahl. Das Chorstück "Ubi caritas et amor" von Maurice Duruflé erinnerte in seiner kunstvollen Schlichtheit, dass Gott da ist, wo Güte und Liebe wohnen. Für Blasorchester hat Mark Camphouse ein erschütterndes Stück geschrieben mit dem Titel "Watchman, tell us of the Night". Es ist ein Werk für all diejenigen, die sexuellen Missbrauch, auch in Kriegen, erfahren mussten. Es ist Musik, die schmerzhaft klagt und schreit, aus der sich aber immer wieder ein hoffnungsfroher Choral erhebt.
Zur Zeit des Kosovo-Krieges hat der walisische Komponist Karl Jenkins die Messe "The Armed Man - A Mass for Peace" geschrieben. Das Kyrie beginnt mit Marschgetrampel, bevor flehentliche Kyrie-Rufe den Frieden erbitte, von einzelnen Blasinstrumenten begleitet. Dazwischen erklang die rührende Stimme des Knabensoprans von Max Labermaier.
Getragen hymnisch klingt die Filmmusik zu "Der Soldat James Ryan" von John Williams für textlosen Chor und Blasorchester. Aufwühlend und tief berührend ist die insistierend sich windende Geigenmelodie in der Filmmusik zu "Schindlers Liste", ebenfalls von John Williams. Marita Hörberg spielte mit großer Klagegewalt diese Musik. Und als klanggewaltiger Ruf nach Frieden beschloss der Kanon "Dona nobis pacem" das Konzert.
Als besondere Geste entzündete Pfarrer Sebastian Heindl während des langanhaltenden Beifalls die Kerzen am siebenarmigen Leuchter, bevor er die vielen Zuhörer entließ, entweder zu Brot und Wein im Kirchenschiff oder zur gedankentiefen Entlassung durch die immer noch weit offen stehenden Kirchentore.